Die Glaubensfrage, die keine sein sollte
Im deutschen E-Commerce gibt es zwei Lager: Die Shopify-Fraktion ("einfach, schnell, international") und die JTL-Fraktion ("vollständig, deutsch, Warenwirtschaft inklusive").
Beide haben Recht. Und beide liegen falsch.
Nach über 200 Shop-Projekten mit beiden Systemen weiß ich: Die richtige Wahl hängt nicht vom System ab, sondern von Ihrem Geschäftsmodell. Dieser Artikel gibt Ihnen die Entscheidungsgrundlage, die Ihnen Agenturen normalerweise nicht geben — weil sie meist nur eins der beiden Systeme verkaufen.
Wir sind offizieller Shopify Partner UND JTL Partner. Wir haben kein Interesse daran, Ihnen das falsche System zu verkaufen. Entschieden? Dann weiter zu unserem Shopify-Einrichtungsguide oder JTL-Einrichtungsguide.
Die Kurzfassung (für Eilige)
Wählen Sie Shopify wenn:
- Sie schnell starten wollen (< 4 Wochen)
- Ihr Fokus auf D2C/Brand liegt
- Sie unter 2.000 Produkte haben
- Keine bestehende Warenwirtschaft existiert
- Internationalisierung geplant ist
Wählen Sie JTL wenn:
- Sie Multichannel verkaufen (Amazon, eBay, eigener Shop)
- Komplexe B2B-Preislogik benötigt wird
- Sie über 5.000 SKUs führen
- Warenwirtschaft zentral sein muss
- Deutsches Recht & Buchhaltung Priorität hat
Jetzt die Details.
Vergleich #1: Kosten (Total Cost of Ownership)
Die monatlichen Gebühren sind nicht alles. Hier die echte Rechnung:
Shopify Kostenstruktur
| Posten | Monatlich | Jährlich |
|---|---|---|
| Shopify Plan (Standard) | €105 | €1.260 |
| Theme (einmalig, umgelegt) | €30 | €360 |
| Apps (Durchschnitt) | €150 | €1.800 |
| Transaktionsgebühren* | variabel | ~1-2% vom Umsatz |
| Summe (ohne Transaktionen) | €285 | €3.420 |
Bei €50.000 Monatsumsatz: ~€500-1.000 Transaktionsgebühren
JTL Kostenstruktur
| Posten | Monatlich | Jährlich |
|---|---|---|
| JTL-Wawi | €0 | €0 (kostenlos!) |
| JTL-Shop (Standard) | €75 | €900 |
| Hosting (empfohlen) | €50 | €600 |
| Template | €40 | €500 (einmalig, umgelegt) |
| Extensions | €80 | €960 |
| Summe | €245 | €2.960 |
Der versteckte Unterschied: Agenturkosten
Shopify:
- Einrichtung: €2.000-8.000 (einmalig)
- Laufende Betreuung: €500-1.500/Monat
- Anpassungen: €80-150/Stunde (Web-Entwickler)
JTL:
- Einrichtung: €5.000-20.000 (einmalig, komplexer)
- Laufende Betreuung: €800-2.500/Monat
- Anpassungen: €100-180/Stunde (spezialisierte JTL-Entwickler)
Fazit Kosten: JTL ist bei den Lizenzkosten günstiger, aber Setup und Betreuung sind teurer. Bei Shops unter €30.000 Monatsumsatz ist Shopify oft wirtschaftlicher. Darüber kippt es zugunsten JTL.
Vergleich #2: Einrichtung & Time-to-Market
Shopify
Timeline für funktionsfähigen Shop:
- Tag 1-3: Grundkonfiguration, Domain, Theme
- Tag 4-7: Produkte, Kategorien, Menü
- Tag 8-10: Zahlungen, Versand, Steuern
- Tag 11-14: Rechtstexte, Testing, Launch
Realistische Dauer: 2-4 Wochen (bei Vorbereitung)
Was Sie selbst können: Fast alles. Shopify ist für Nicht-Techniker gebaut.
JTL
Timeline für funktionsfähigen Shop:
- Woche 1-2: JTL-Wawi Installation, Konfiguration
- Woche 3-4: Artikelstamm aufbauen, Kategorien, Attribute
- Woche 5-6: JTL-Shop Installation, Template-Anpassung
- Woche 7-8: Schnittstellen (Payment, Versand, Buchhaltung)
- Woche 9-10: Testing, Mitarbeiterschulung, Launch
Realistische Dauer: 2-3 Monate (mit Agentur)
Was Sie selbst können: Grundlegendes. Für Setup brauchen Sie JTL-Expertise.
Fazit Time-to-Market: Shopify gewinnt klar. Wenn Geschwindigkeit zählt, ist Shopify die Wahl.
Vergleich #3: Produktverwaltung
Shopify
Stärken:
- Intuitive Oberfläche, drag & drop
- Varianten einfach (Größe, Farbe, etc.)
- Bulk-Edit für bis zu 100 Produkte gleichzeitig
- API für große Datenmengen
Schwächen:
- Nur 100 Varianten pro Produkt (hartes Limit!)
- Keine echte Attributverwaltung
- Kein integriertes PIM (Product Information Management)
- Lagerbestand nur auf SKU-Ebene, nicht auf Lagerort
Best für: 50-2.000 Produkte, einfache Varianten
JTL-Wawi
Stärken:
- Unbegrenzte Varianten (Vater-Kind-Struktur)
- Echtes PIM mit Attributen, Merkmalen, Funktionen
- Stücklisten, Bundles, Set-Artikel
- Mehrlager-Verwaltung mit Lagerplätzen
- Seriennummern, Chargen, MHD-Tracking
Schwächen:
- Steile Lernkurve (Windows-Software aus 2005)
- Keine Cloud-Version (nur lokal oder Terminal-Server)
- UI ist... gewöhnungsbedürftig
Best für: 2.000+ Produkte, komplexe Varianten, B2B
Vergleich #4: Multichannel-Fähigkeit
Hier zeigt sich der größte Unterschied.
Shopify Multichannel
Integrierte Kanäle:
- Instagram Shop
- Facebook Shop
- Google Shopping
- TikTok Shop
- Shopify POS (Einzelhandel)
Amazon/eBay:
- Nur über Drittanbieter-Apps (Codisto, CedCommerce)
- €50-300/Monat zusätzlich
- Synchronisation oft verzögert (15-60 Min)
- Keine echte Bestandsreservierung
Das Problem: Shopify denkt "Shop first, Marktplätze second". Wenn Sie 50% über Amazon verkaufen, ist Shopify die falsche Zentrale.
JTL Multichannel
Native Integrationen:
- Amazon (inkl. FBA, PAN-EU)
- eBay (inkl. Plus, Zahlungsabwicklung)
- OTTO Market
- Kaufland (real.de)
- Hood, Avocadostore, etc.
So funktioniert es:
- Artikel in Wawi anlegen
- Kanäle zuordnen (ein Klick)
- Bestand wird automatisch auf alle Kanäle verteilt
- Bestellungen fließen alle in Wawi zusammen
- Ein Versandprozess für alles
Der Vorteil: Echter Bestandsabgleich in Sekunden. Kein Überverkauf. Eine Wahrheit.
Fazit Multichannel: JTL ist für Multichannel gebaut. Shopify ist ein Shop mit Multichannel-Erweiterungen.
Vergleich #5: B2B-Funktionalität
Shopify B2B
Was geht:
- B2B auf Shopify Plus (ab €2.300/Monat!)
- Kundengruppen mit spezifischen Preislisten
- Netto-Preisanzeige
- Mindestbestellwerte
- Kauf auf Rechnung (via Apps)
Was nicht geht (oder kompliziert ist):
- Staffelpreise im Frontend
- Kundenindividuelle Preise
- Genehmigungsworkflows
- Kontingente und Rahmenverträge
JTL B2B
Was nativ funktioniert:
- Unbegrenzte Kundengruppen
- Staffelpreise (ab X Stück, Y% Rabatt)
- Kundenindividuelle Preise (pro Kunde, pro Artikel)
- Rabattgruppen und Konditionsstaffeln
- Netto/Brutto-Umschaltung
- Mindestbestellmengen pro Artikel
- Rahmenverträge mit Kontingenten
Beispiel aus der Praxis: Kunde A: -15% auf Kategorie Werkzeug, -10% auf Rest Kunde B: Festpreise lt. Preisliste 2024 Kunde C: Staffel: Ab 100 Stk -5%, ab 500 -10%
In Shopify? Viel Glück. In JTL? 10 Minuten Setup.
Fazit B2B: JTL ist klar überlegen. Shopify B2B ist erst ab Plus brauchbar.
Vergleich #6: Buchhaltung & Steuerkonformität
Shopify
Was Shopify liefert:
- Steuereinstellungen pro Land
- OSS-Unterstützung (One-Stop-Shop)
- Export-Funktion (CSV)
Was Shopify NICHT liefert:
- GoBD-konforme Archivierung
- DATEV-Export
- Automatische Rechnungsnummern (Pflicht in DE!)
- Kassenanbindung nach KassenSichV
Die Lösung: Drittanbieter wie Billbee, easybill oder sevDesk. Kosten: €20-100/Monat extra.
JTL
Was JTL nativ liefert:
- GoBD-konforme Archivierung
- DATEV-Export (direkt!)
- Lexware-Schnittstelle
- Rechtsichere Rechnungserstellung
- Fortlaufende Belegnummern
- TSE-Anbindung für Kasse (JTL-POS)
Die Wahrheit: Ihr Steuerberater wird JTL lieben. Bei Shopify fragt er: "Und wo sind die DATEV-Buchungssätze?"
Fazit Buchhaltung: JTL ist für deutsche Buchhaltung gebaut. Shopify braucht Brücken.
Vergleich #7: Performance & Skalierung
Shopify Performance
CDN & Hosting:
- Vollständig gemanagt
- Global CDN (Cloudflare-Niveau)
- 99.99% Uptime garantiert
- Unlimited Bandwidth
- Automatische Skalierung bei Traffic-Spikes
Bei Black Friday: Shopify handelt Millionen Bestellungen. Kein Schweiß.
JTL-Shop Performance
Hosting:
- Sie sind verantwortlich (oder Ihr Hoster)
- Empfehlung: Managed Server ab €50/Monat
- Bei Traffic-Spikes: Manuell skalieren oder CDN vorschalten
Bei Black Friday: Wenn Ihr Server richtig konfiguriert ist, kein Problem. Wenn nicht, Downtime.
Fazit Performance: Shopify ist worry-free. JTL braucht Hosting-Kompetenz.
Vergleich #8: Erweiterbarkeit
Shopify App Store
Anzahl Apps: 8.000+ Qualität: Schwankend (viel Müll, aber auch Perlen)
Top-Apps die fehlen:
- Echtes ERP
- Native Amazon/eBay-Integration
- Komplexe B2B-Logik
Eigenentwicklung:
- Liquid (Template-Sprache) — einfach
- Shopify Functions — mittelschwer
- Custom Apps (Node.js/React) — für Entwickler
JTL-Extension Store
Anzahl Extensions: ~500 Qualität: Durchweg gut (kleinere Community, mehr Kontrolle)
Top-Extensions:
- Druckdialog-Anpassungen
- Automatisierungsregeln (Workflows)
- Spezial-Schnittstellen (DATEV, SAP, etc.)
Eigenentwicklung:
- JTL-Wawi: Ameise (Import), Workflows, SQL-Abfragen
- JTL-Shop: PHP/Smarty (wie WooCommerce)
- Vollständige API-Dokumentation
Fazit Erweiterbarkeit: Shopify für Marketing-Apps, JTL für ERP-nahe Erweiterungen.
Die Entscheidungsmatrix
| Kriterium | Shopify | JTL | Gewinner |
|---|---|---|---|
| Time-to-Market | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐ | Shopify |
| Benutzerfreundlichkeit | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| Produktverwaltung (einfach) | ⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| Produktverwaltung (komplex) | ⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐⭐ | JTL |
| Multichannel | ⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐⭐ | JTL |
| B2B-Funktionen | ⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐⭐ | JTL |
| Buchhaltung (DE) | ⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐⭐ | JTL |
| Performance | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| Marketing-Tools | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| Internationalisierung | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| TCO (< €30k/Mo) | ⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ | Shopify |
| TCO (> €100k/Mo) | ⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐ | JTL |
3 Fallbeispiele aus der Praxis
Fall 1: D2C Fashion Brand
Situation: Junges Modelabel, 120 Produkte, Instagram als Hauptkanal Entscheidung: Shopify Warum: Schneller Launch, Instagram-Integration, internationale Skalierung geplant Ergebnis: Nach 3 Monaten €45.000 Umsatz, 40% international
Fall 2: Technischer Großhandel
Situation: 8.000 SKUs, 500 B2B-Kunden, Amazon + eBay + eigener Shop Entscheidung: JTL Warum: Multichannel-Zentrale, individuelle Kundenpreise, DATEV-Export Ergebnis: 60% Zeitersparnis bei Auftragsabwicklung, keine Überverkäufe mehr
Fall 3: Hybrid (Ja, das geht!)
Situation: Fahrradhersteller, B2C International + B2B DACH Entscheidung: Shopify (B2C) + JTL-Wawi (Backend) Warum: Shopify für Endkunden-Experience, JTL für Warenwirtschaft + B2B Integration: Billbee als Middleware Ergebnis: Best of both worlds, aber höherer Wartungsaufwand
Fazit: Es gibt keine falsche Wahl — nur eine falsche für SIE
Beide Systeme sind gut. Die Frage ist, was Ihr Business braucht.
Letzte Empfehlung:
Wenn Sie sich unsicher sind: Starten Sie mit Shopify. Ernsthaft.
Warum? Weil Sie in 2 Wochen live sind und echte Daten sammeln. Wenn Sie nach 12 Monaten merken, dass Sie JTL brauchen, migrieren Sie. Das ist machbar.
Andersrum ist schwieriger: Mit JTL zu starten und nach 6 Monaten zu merken, dass es zu komplex ist, kostet mehr.
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Wir sind sowohl Shopify Partner als auch JTL Partner. Wir verdienen an beiden — deshalb können wir ehrlich beraten.
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